Im Jahr 1935, im zarten Alter von gerade einmal 13 Jahren, verbrachte meine Großmutter einen Sommer in Ostpreußen. Dieser Aufenthalt war Teil der Kinderlandverschickung, einer Art therapeutischen Maßnahme, bei der Stadtkinder zu Erholungszwecken aufs Land verbracht wurden. Was heute kurios klingen mag, hatte sicherlich zu jener Zeit seine Berechtigung, waren die Kinder doch oftmals bei der Arbeit im elterlichen Haushalt stark eingebunden und wuchsen insbesondere in Industrieregionen wie dem Ruhrgebiet in einer durch Abgase und Industriestaub stark belasteten Umgebung auf. Vor diesem Hintergrund darf man also die Kinderlandverschickung als eine Art Kuraufenthalt für Kinder betrachten.
Diese Maßnahme wurde dann auch im Jahr 1935 meiner Großmutter zuteil, die auf einen Hof in der Nähe des heutigen Ostróda (dem damaligen Osterode) kam. Zwar kenne ich zumindest den Namen des kleinen Dorfs, aber mehr hat sie mir über diesen Aufenthalt nie berichtet. Aus den wenigen Fotos, die aus dieser Zeit existieren, weiß ich jedoch, dass der Hof Verwandten gehört haben muss – schließlich machte nicht nur meine Großmutter Urlaub in dem kleinen Dorf, sondern auch wiederum ihre Großmutter und deren Schwestern. Und mit so einer Bagage zieht man ja eigentlich nur dann in die Ferne, wenn Familienzusammenkünfte in Aussicht stehen.
Doch vielleicht lichtet sich der Nebel in absehbarer Zukunft: Unter den nicht einmal 20 Fotos aus jenem Sommer sind auffällig viele Aufnahmen eines Jungen etwa gleichen Alters, der dort in der Nähe gelebt hat und mit dem meine Großmutter viel unternommen zu haben scheint. In ihrem Fotoalbum ist sogar ein Name angegeben – und eine verwandtschaftliche Beziehung: Der Junge, Kurt sein Name, ist wohl offenbar der Cousin 2ten Grades meiner Großmutter.

Lange Zeit habe ich diese Anmerkung ignoriert, sie immer wieder überlesen und mich stattdessen mit anderen Details des Lebens meiner Großmutter beschäftigt. Bis mir bewusst wurde, dass ich zwar nahezu alles über die Familie ihres Ehemanns und ihr Leben nach Beginn des 2. Weltkriegs weiß, ihre Jugend und Kindheit für mich jedoch fast vollständig im Dunkeln liegen.
Um das zu ändern, habe ich zu recherchieren begonnen – weit bin ich noch nicht gekommen, was wohl auch daran liegt, dass viele Dokumente aus Ostpreußen, wo die Familie meiner Großmutter herzukommen scheint, im Krieg vernichtet worden oder heute in irgendwelchen Archiven verschollen sind, aber zumindest habe ich die Spur Kurts verfolgen können. Leider ist der Herr bereits verstorben, aber ich konnte seinen Sohn ausfindig machen, der sich unverzüglich – dafür noch einmal ein großes Dankeschön – selbst auf die Suche machte und dabei nicht nur Bilder seines Vaters und meiner Großmutter fand, die sich auch im meinem Album fanden, sondern auch ein mir bisher unbekanntes Foto meiner Großmutter entdeckte.

Man darf gespannt sein, was sich noch so alles finden wird…
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