Torge Schmidt, jüngster Abgeordneter der Piraten im Schleswig-Holsteinischen Landtag, war am 09. Mai zu Gast bei Markus Lanz, einer Talkshow, deren Ausrichtung dank Vermischung von politischen Gesprächen und boulevardesken Themen nie so ganz klar war. Natürlich sind die Piraten keine fehlerlose Partei, geprägt von einem naiven Idealismus und mitunter noch recht ziellos. Ich habe sie bei dieser Landtagswahl in NRW nicht gewählt. Und dennoch empfinde ich den Umgang von Markus Lanz mit den Piraten in seiner Sendung als eine bodenlose Frechheit.

Bereits die Sendung vom 01. Mai mit Marina Weisband war „problematisch“: Eine junge Dame gegen einen fast atemlos verhörenden Moderator, umgeben von anderen Gästen, die Weisband ebenfalls eher kritisch gegenüberstanden. Fairness – und vor allem neutraler Journalismus - sehen anders aus. Eine ähnliche Situation dann auch bei der Sendung mit Schmidt: Ohne Unterlass befragt Lanz den 23-Jährigen und geriert sich wie ein Oberstaatsanwalt im Kreuzverhör mit einem Schwerverbrecher. Will sich Schmidt erklären, wird er von Lanz unterbrochen, der stattdessen immer wieder zu Michael Jürgs springt, einem starken Kritiker der Piraten – der dann aber leider nicht auf die wirklich kritikwürdigen Punkte der Partei eingeht, sondern sich stattdessen wieder in den alten Debatten zum Urheberrecht ergeht.

Eine Steilvorlage für Lanz, der den Auftritt von Weisband „remixed“ und so verkürzt, dass ihre Aussagen ad absurdum geführt werden. Konfrontiert damit, soll Schmidt eine persönliche Äußerung zum Urheberrecht machen. Schmidt sagt, dass er die „meisten“ Sachen kaufe, Lanz fragt nach, was die „meisten“ bedeute. Dann sagt Schmidt einen Satz, der das ganze Dilemma moderner Medienprodukte und ihrer Verwertung beschreibt: Er lade sich manche Sachen runter, z.B. amerikanische und englische Serien, die in Deutschland nicht erhältlich seien. Lanz versteht das nicht, kein anderer in der Runde versteht es. Schmidt fügt hinzu, dass er sie kaufen würde, wenn er es könnte; Lanz kontert in einem düpierten Tonfall so etwas wie „das glauben Sie doch wohl selbst nicht.“

Doch, Herr Lanz, das glaubt die Jugend von heute. Und schlimmerweise glaubt sie es nicht nur, sie macht es auch. Gerade erst vor ein paar Tagen hat Lukas Heinser dazu einen Artikel geschrieben und eigentlich ist es müßig, dass man den Sachverhalt immer und immer wieder erklären muss, aber die in einer globalisierten Welt produzierten Medienprodukte sind durch globale Echtzeitkommunikation zu globalen Medienphänomenen geworden – doch die Industrie hat diese Entwicklung verschlafen und legt dem legalen Kauf immer wieder Steine in den Weg. Das fängt an bei dem Beispiel, das Lukas Heinser wiedergibt und endet damit, dass die weltweit einzig unzensierte DVD von THE WALKING DEAD in den USA verkauft wird und folglich einen Regionalcode 1 besitzt, den z.B. die europäische Playstation 3 nicht abspielen kann.

Denn so einfach wie von Lanz behauptet, der Schmidt empfahl diese Serien im Ausland zu kaufen, ist es eben nicht. Nicht jeder Mensch verfügt über eine Kreditkarte, nicht jedes Produkt wird in jedes Land verkauft, staatliche Einfuhrabgaben und Versandkosten verdoppeln mitunter den Preis, Regionalcodes erfordern Zusatzgeräte und geografisch beschränkte Shops verhindern nicht selten den Einkauf im Ausland. Als Konsument denkt man sich oft, dass man ein Produkt gerne kaufen würde, wäre es auch im eigenen Land verfügbar. Ungeschnitten und legal. Oder wenigstens zu fairen Konditionen in einem anderen Land. Doch stattdessen baut die Industrie Barrieren auf, verschläft die technische Entwicklung und fordert – statt selbst etwas zu ändern – dass der Konsument gefälligst mit ihr in der kaufmännischen Steinzeit zu bleiben habe.

Natürlich könnte man nun argumentieren, dass wir uns wieder stärker auf eine Kultur des Verzichts zurückbesinnen sollten; dass eben nicht jeder Mensch auf der Welt alles haben kann, was er gerne hätte. Doch das Argument besitzt keine Gültigkeit, denn der auferlegte Zwang zum Verzicht ist nur deshalb existent, weil moderne Verbreitungswege ungenutzt bleiben und die digitalen Medien in den Köpfen der meisten Rechteverwerter immer noch lokal begrenzt gedacht werden. Es verhält sich mit Medien im digitalen Zeitalter wie bei einem Eiswagen, der lieber kilometerweit durch die sengende Hitze fährt als sein Eis im falschen Stadtteil an die mit Geldscheinen wedelnden Kinder zu verkaufen.

Darüber müsste man dringend diskutieren, doch es ist natürlich viel witziger, wenn man die Vertreter einer Partei dekonstruieren kann, indem man ihre komplexen Fragen an die Realität des Digitalen auf missverständliche Einzeiler herunter bricht. Aber vielleicht ist so ein Kampagnenjournalismus auch einfach nur das, was man heutzutage unter „investigativ“ versteht.