Knochenmarksspenden sind lebenswichtig, daran besteht kein Zweifel. Deshalb rufen in gewisser Regelmäßigkeit diverse Verbände und Gruppierungen zur sogenannten Typisierung auf, bei der die jeweiligen persönlichen Merkmale eines potentiellen Spenders bestimmt und in eine Spenderkartei aufgenommen werden. Eine gute Sache, kurz und schmerzlos, denn die Typisierung erfolgt im Regelfall über einen Speichelabstrich. Das einzige Problem dabei: Die zentrale Datenbank, die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (kurz DKMS) folgt bei den Auswahlkriterien für potentielle Spender den Richtlinien der deutschen Ärztekammer zur Blutspende und die schließen bestimmte Risikogruppen aus.

Nun kann man sicherlich nachvollziehen, dass Drogenabhängige und im Bereich der Prostitution arbeitende Menschen ein gewisses, höheres Risiko zu Krankheiten haben, die über das Blut weitergegeben werden, jedoch gehören auch homosexuelle Männer per se zu dieser Risikogruppe. Das ist unschön, aber vor allem auch diskriminierend. Weil die Einschätzung, dass der homosexuelle Mann an sich bereits einen Risikofaktor darstellt, vollkommen losgelöst ist vom eigentlichen Sexualverhalten. In der Vorstellung der Bundesärztekammer ist das Blut eines homosexuellen Mannes also per se mit diversen Krankheitserregern infiziert. Eine Einzelfallprüfung findet nicht statt.

In der vergangenen Woche fand an der Ruhr-Uni eine von der Fachschaft Medizin initiierte Typisierungsaktion statt, die mit dem Slogan "Dein Typ ist gefragt - sei ein Held" für sich warb. Mir stieß das auf. Nicht nur, weil mein Typ eben nicht gefragt ist, ich nach den Statuten der Deutschen Ärztekammer und der DKMS nicht erwünscht bin, sondern auch, weil ich kein Held, kein Vorbild sein kann. Und das nur aufgrund meiner sexuellen Orientierung, vollkommen unabhängig von meinem realen Gesundheitszustand. Für mich wirkte das alles wie ein Hohn: Während sich ein Heterosexueller vollkommen freiwillig dazu entscheiden kann, dass er kein Held sein will, stellt sich für mich diese Wahl erst gar nicht.

Ich habe daraufhin eine E-Mail über den Verteiler der FSVK (die Konferenz aller Fachschaft innerhalb einer Uni) geschickt und um etwas mehr Feingefühl bei derartigen Aktionen gebeten. Die Reaktionen waren interessant: Zustimmung erhielt ich nur von einer Person, ansonsten war der mehrheitliche Tenor, dass meine Verärgerung doch ein bisschen übertrieben sei. Interessant war dabei, dass sich besonders zwei Frauen über meine Mail wunderten. Während die eine das Problem, das ich mit dem Slogan hatte, nicht nachvollziehen konnte, warf mir die andere ein "blindes Wutbürgertum" vor, das von jedem Slogan getriggert worden wäre. Zwar verstanden sie beide mein Problem mit der Diskriminierung durch die Bundesärztekammer, aber nicht das semiotische Problem des Slogans.

Auch die Fachschaft der Medizin schrieb mir. In ihrer sehr ausführlichen Mail bekräftigten sie nachdrücklich, dass sie niemanden hätten diskriminieren oder verärgern wollen. Ich empfand die Mail als aufrichtig, das ernst nehmen meines Problems als lobenswert und die Bereitschaft, selbst zwei Tage vor einer solchen großen Aktion sich noch in einer umfassenden Mail mit dem Problem auseinander zu setzen als geradezu vorbildlich. Dennoch stieß mir ein Punkt übel auf: Man versicherte mir, dass man all die Menschen, die von der Typisierung ausgeschlossen werden, als engagierte Helfer beschäftigen wolle, sodass diese ebenfalls Helden sein könnten. Das ist - und so schrieb ich auch in meiner Antwort - eine reine Symbolpolitik, die Inklusion heuchelt, aber keine Veränderung an den kritisierenswerten Zuständen in die Wege leiten will. Es ist die Suche nach Menschen, die im Tausch gegen das Gefühl relevant zu sein, auf ihre Funktion als billige Arbeitskraft reduziert werden.

Diese Form der Einbindung erschien mir falsch - auch, weil sie einfach viel zu wenig ist. Ich bat daher die Fachschaft Medizin um ein Bekenntnis, dass man den von Vorurteilen geprägten Regeln der Deutschen Ärztekammer kritisch gegenübersteht. Denn ja, ein Bekenntnis reicht mir schon. Ich brauche keine von der Fachschaft angeführte Revolution, keine Demo, sondern einfach nur das Bekenntnis, dass man sich der Diskriminierung bewusst ist und offen darauf hinweisen wird. Mehr wünsche ich mir gar nicht. Bis heute hat man mir diesen Wunsch noch nicht erfüllt...