In Duisburg-Bruckhausen wird zurückgebaut. Man kann das verstehen, denn in Duisburg will niemand mehr leben. Seit Jahren sinken die Einwohnerzahlen, der Leerstand an Wohnraum nimmt zu, gerade im Norden der Stadt, wo einst Schimanski auf Verbrecherjagd ging. Bruckhausen, geprägt von der Stahlindustrie, war Synonym für das Ruhrgebiet: Leben im Schatten der Schlote, hier war es möglich. Dann kam der Strukturwandel, die Industrie reduzierte sich oder ging gleich gänzlich, der Stadtteil verödete, verarmte und wurde zum Sammelbecken all jener, die sich kein besseres Leben leisten konnten. Bruckhausen war und ist ein von Migranten dominierter Stadtteil, ein Biotop der Völkerverständigung. Und bald ist er in weiten Teilen Geschichte.
Dieser Blick entlang der Dieselstraße in Duisburg in Richtung des alten Hochofens des Kruppschen Stahlwerks ist wohl eines der bekanntesten Motive des Ruhrgebiets. Lange jedoch wird es diesen Blick nicht mehr geben. Beide Straßenseiten und der Hochofen werden abgerissen.
Duisburg kann und will sich den Stadtteil nicht mehr leisten und weil eine Geisterstadt im Deutschland der Kleingartenvereine mit normierter Rasenlänge keine Option ist, werden ganze Straßenzüge einfach dem Erdboden gleichgemacht. Man könnte das hinnehmen, kennt man das Ruhrgebiet: Ganze Stadtteile lagen nach dem 2. Weltkrieg in Schutt und Asche, wurden in den folgenden Jahrzehnten unter Missachtung sämtlicher ästhetischen Gesichtspunkte wieder aufgebaut. Die deutsche Nachkriegsarchitektur war pragmatisch, sachlich, langweilig. Zur Hölle damit!
Doch halt: Ein Großteil der Bausubstanz in Bruckhausen stammt nicht aus der Zeit nach, sondern vor dem 2. Weltkrieg. Hier stehen teilweise gründerzeitliche Straßenzüge, eng bebaut, wie Anfang des 20. Jahrhunderts. Komplett ist das Ensemble nicht mehr erhalten, jedoch in seiner Dichte und dem Erhaltungszustand mancher Fassade wohl einzigartig im ganzen Ruhrgebiet. Und das wird nun abgerissen. Für immer vernichtet. Nicht zur Gänze, versteht sich. Einen schmalen Häuserstreifen wird die Stadt Duisburg erhalten. Als Staffagenstadt sozusagen, die so auch auf den Außengeländen des Studios Babelsberg stehen könnte. Nur das in Duisburg die herausgeputzten Showhäuser immerhin noch eine bewohnbare Tiefe haben.
Hier wird schon eifrig abgerissen.
Das alles wäre furchtbar schrecklich, aber immerhin hinnehmbar, würden wir nicht in einer unendlich schizophrenen Zeit leben: Berlin baut sich sein Stadtschloss wieder auf, Potsdam bekommt sein historisches Zentrum zurück, Frankfurt am Main reißt gleich das komplette Technische Rathaus aus den 1970ern ab und baut an der gleichen Stelle 15 rekonstruierte Altstadthäuser und 20 an diesen Rekonstruktionen orientierte Neubauten, in Braunschweig hat man das im 2. Weltkrieg zerstörte und später komplett abgetragene Schloss als Einkaufszentrum wieder aufgebaut und auch Wesel gönnte sich in den vergangenen Jahren eine Rekonstruktion seines 1945 zerstörten Rathauses. Die Sehnsucht nach schmückenden Gebäuden, dem Geist der Geschichte, durchweht deutsche Städte und Gemeinden. Nur eben Duisburg nicht.
Die Stadt, die einst Weltruf erlangte, als Gerhard Mercator an ihrer Universität lehrte und die Kartografie revolutionierte, ist nicht besonders reich an historischer Bausubstanz. Und nun nimmt man ihr nach und nach das bisschen Geschichte, dass sie zu versprühen noch in der Lage ist. Aber so läuft das nun einmal in Duisburg: Die Zeche Walsum, in der Anfang Januar noch ein paar Fotos entstanden sind, ist inzwischen auch nicht viel mehr als ein Schutthügel am Rheinufer.
Dieses Gebäude-Ensemble muss auch bald dran glauben.
Die Vehemenz, mit der die Entscheidung zum Kahlschlag verteidigt wird und die Radikalität, mit der zu Werke gegangen wird, verdeutlicht eines: Der Abriss hat nicht allein finanzielle Gründe. Duisburg ist – dem Klischee nach – die dreckigste der Ruhrgebietsstädte, geprägt vom größten Binnenhafen Europas und der dazugehörigen Industrie. Von diesem Image will man weg: Der alte Binnenhafen nahe des Zentrums wird seit Jahren aufgewertet zum Kreativquartier mit Museen, Archiven und Büros. Duisburg gibt sich als schickes Vorbild für den Strukturwandel, auch wenn die Realität vielleicht eine andere Sprache spricht, und ein in einen leicht schmuddeligen Dornröschenschlaf gefallener Stadtteil wie Bruckhausen, dessen Kombination aus Industriemonumentalismus und Arbeiterquartieren seit Jahrzehnten das Sinnbild für das Ruhrgebiet war, stört da einfach nur.
So ist es denn wohl auch mehr eine Befindlichkeit, aus der heraus man die Bagger anrollen lässt. Und eine Befindlichkeit wird es sein, die in einem halben Jahrhundert die Bagger für den Wiederaufbau anrollen lassen wird.




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